KREDIT und KAPITAL - Heft 4/1989


Inhalt


Abhandlungen

Michaelis, Jochen
Staatsverschuldung als Quelle der Nicht-Neutralität - Ein Beitrag zum Ricardianischen Äquivalenztheorem

Jüttner, D. Johannes
Fundamentals, Bubbles, Trading Strategies: Are they the Causes of Black Monday?

Rohwer, Bernd
Möglichkeiten und Grenzen der Wachstumspolitik

Schröder, Wolfgang
Anmerkungen zur normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden

Rübel, Gerhard
Die Berechenbarkeit der Politik - Eine Bemerkung zur Frage der normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden

Bühler, Wolfgang und Herzog, Walter
Die Duration - eine geeignete Kennzahl für die Steuerung von Zinsänderungsrisiken in Kreditinstituten? (Teil II)


Berichte

Varman, Benu
Some Remarks on Definition and Magnitude of Recent Capital Flight from Developing Countries

Schmidt, Roland
Konstanz Seminar on Monetary Theory and Monetary Policy


Buchbesprechungen

Kruse, Kristina
Die Volkswirtschaftslehre im Nationalsozialismus
(Ernst Schulin)

Welcker, Johannes und Kloy, Jörg W.
Professionelles Optionsgeschäft – Alles über Optionen auf Aktien, Renten, Devisen, Waren, Terminkontrakte
(Joachim Käsler)


Zusammenfassungen

Michaelis, Jochen
„Staatsverschuldung als Quelle der Nicht-Neutralität - Ein Beitrag zum Ricardianischen Äquivalenztheorem“

Während Barro zwar die Gültigkeit des Ricardianischen Äquivalenztheorems im Fall positiver Vererbungen nachgewiesen hat, konnte er indes kein Kriterium dafür entwickeln, wann das Vererbungsmotiv tatsächlich wirksam wird. Da eine erhöhte Staatsverschuldung von den Individuen mit einer erhöhten Vererbung "beantwortet" wird, ist es evident, daß die Höhe und damit denknotwendig das Auftreten der Vererbungen selbst vom Ausmaß der staatlichen Kreditaufnahme abhängig ist. Unterschreitet die Staatsverschuldung eine bestimmte Grenze, kommt es zur sogenannten Randlösung, d.h. trotz Vererbungsmotiv treten keine Vererbungen auf. Der Staat kann mithin via Staatsverschuldung das Wirksamwerden des Vererbungsmotivs determinieren. Mit anderen Worten, das Ricardianische Äquivalenztheorem ist eine Funktion der Höhe der Staatsverschuldung. Wählt der Staat denjenigen Kreditaufnahmesatz, bei dem die Vererbungen gerade Null werden, kommt es zu einem unterkapitalisierten Steady-State. Um zur Goldenen Regel der Kapitalakkumulation zu gelangen, bedarf es einer Forcierung der Kapitalbildung. Die hierzu notwendige Absenkung der Staatsverschuldung kann wegen der Randlösung nicht durch eine entsprechende Verringerung der Vererbungen konterkariert werden, so daß die Politik den gewünschten Erfolg zeitigt. Da im pareto-optimalen Steady-State mithin keine Vererbungen auftreten, ist die optimale Finanzpolitik unabhängig von der Existenz eines Vererbungs-Motivs. Sie ist identisch mit derjenigen im Modell ohne Vererbungsmotiv.

hoch


Jüttner, D. Johannes
„Fundamentalfaktoren, Seifenblasen und Handelsstrategien: Sind sie die Ursachen des Schwarzen Montags?“

Dieser Artikel versucht, die Ursachen zu ergründen, die Mitte der Achtziger Jahre zum Boom am Aktienmarkt führten und zum darauf folgenden Zusammenbruch im Oktober 1987. Die herkömmliche Finanztheorie gibt wenig Aufschluß über Aktienkursaufschaukelungen. Obwohl Fundamentalfaktoren, und in geringerem Umfang Dividendenerhöhungen, eine Rolle gespielt haben, bleiben die ausgeprägten Schwankungen der am Aktienmarkt verlangten Ertragsrate ungeklärt. Die Aktienkursbewegungen gleichen dem Aufblähen und Zerplatzen von Blasen. Allerdings impliziert die Seifenblasen-Hypothese im wesentlichen irrationales Verhalten; diese Beschreibung steht im Gegensatz zu den Annahmen in der Literatur. Nach der rationalen Seifenblasen-Theorie spielen die Teilnehmer der Finanzmärkte ein wohl kalkuliertes Spiel, das es ihnen auszusteigen erlaubt, bevor der unausweichliche Sturz spekulativ überhöhter Kurse eintritt. Die Schwankungen im Rahmen des letzten Aktienkurszyklus wurden durch die weit verbreitete Übernahme von Handelsstrategien verstärkt, die ironischerweise aufgrund der effizienten Markthypothese entwickelt wurden. Durch Portfolio-Versicherung und andere Handelsstrategien wurde die Krise noch verschlimmert, und Index-Arbitrage wurde wirkungslos.

hoch


Rohwer, Bernd
„Möglichkeiten und Grenzen der Wachstumspolitik“

Die Spielräume der Wachstumspolitik sind heute infolge vielfältiger Veränderungen enger geworden. Die Wachstumsschwäche in der Bundesrepublik Deutschland ist zu einem Teil das Ergebnis veränderter "exogener" Bedingungen, die sich einer politischen Beeinflussung in starkem Maße entziehen. Desweiteren resultieren wachstumsdämpfende Effekte auch aus Verschiebungen in den gesellschaftlichen Präferenzstrukturen, deren wirtschaftspolitische Beeinflussung nicht nur schwierig, sondern aus wohlfahrttheoretischer Sicht auch nur sehr bedingt legitimierbar ist. Aber auch dort, wo die Wachstumspolitik grundsätzlich über wirksame Instrumente verfügt, ist der Handlungsspielraum begrenzt: Geld- und Finanzpolitik haben - im Falle der Finanzpolitik infolge selbstverschuldeter Fehlsteuerungen - nur noch geringen expansiven Handlungsspielraum. Gefordert ist damit vor allem die Allokationspolitik. Hier bietet sich zwar mit der Umschichtung der staatlichen Ausgaben von den Subventionen hin zu öffentlichen Investitionen in Engpaßbereichen, der Reform der Unternehmensbesteuerung und der Flexibilisierung der Güter- und Arbeitsmärkte eine ganze Reihe von sinnvollen Ansatzpunkten. Gerade hier sind jedoch die politischen und verständlicherweise in Teilbereichen auch die gesellschaftlichen Widerstände besonders stark. Zudem sind bei derartigen Veränderungen der allokativen Rahmenbedingungen die Wirkungsverzögerungen im Wirtschaftsablauf relativ groß, so daß es eines besonders langen politischen Atems bedarf. Insgesamt sind daher die Chancen, daß die Wachstumspolitik zu einer deutlichen und anhaltenden Beschleunigung des Wachstumstempos in der Bundesrepublik beitragen könnte, als recht begrenzt einzuschätzen.

hoch


Schröder, Wolfgang
„Anmerkungen zur normativen Interpretation von Leistungsbilanzsalden“

Die normative Interpretation von Leistungsbilanzsalden durch Issing und Masuch beruht auf einem einfachen analytischen Rahmen, dessen Grenzen hier gezeigt werden: (1) Er überträgt die Entscheidungslogik der intertemporalen Konsumwahl eines Haushalts auf die Gesamtwirtschaft, ohne die dabei entstehenden aggregativen und strukturellen Effekte zu berücksichtigen. (2) Er kommt ohne die Betrachtung eines Wechselkurses aus und unterstellt, daß ein Leistungsbilanzüberschuß - hervorgerufen durch höhere Ersparnis im Inland - von höheren Investitionen im Ausland absorbiert würde. Hier wird dagegen gezeigt, daß dieser Leistungsbilanzüberschuß Marktsignale erzeugt, die zu steigenden Investitionen im Inland führen. (3) Das durch Leistungsbilanzüberschüsse erworbene Auslandsvermögen impliziert nicht den Zuwachs des Realvermögens. (4) Auch wenn in der Bundesrepublik das heimische Arbeitskräfteangebot zurückgehen sollte, halten wir es nicht für sinnvoll, das Produktionspotential auf einen Netto-Ressourcen-Transfer in das Ausland einzustellen, um Netto-Auslandsvermögen zu bilden. Vorrang muß die Güterversorgung und Sachvermögensbildung im Inland erhalten.

hoch


Bühler, Wolfgang und Herzog, Walter
„Die Duration - eine geeignete Kennzahl für die Steuerung von Zinsänderungsrisiken in Kreditinstituten? (Teil II)“

Der vorliegende Beitrag, dessen erster Teil in Heft 3/1989 erschienen ist, befaßt sich mit der Frage, inwieweit das Duration-Konzept in seiner auf das Reinvermögen von Kreditinstituten bezogenen Form für eine Kontrolle des Zinsänderungsrisikos geeignet ist. Dabei erfolgt keine Fortsetzung der Diskussion um die Stärken und Schwächen dieses Konzeptes auf theoretischer Ebene. Es wird vielmehr im Rahmen eines Simulationsmodells auf der Grundlage empirischer Zinsdaten für den Zeitraum von 1972 bis 1986 die Qualität verschiedener Duration-Ansätze für die Risikosteuerung zu beurteilen versucht. Bei den Simulationsrechnungen zeigen sich eine Reihe bemerkenswerter Ergebnisse. So besitzt das durch einen aktiven Festzinsüberhang gekennzeichnete Institut im Gegensatz zur weit verbreiteten Meinung weder ein Zinsüberschußrisiko bei steigenden Zinsen noch eine Zinsüberschußchance bei sinkenden Zinsen. Vielmehr führen hier die im Vergleich zu den Passivkonditionen weitaus volatileren Aktivkonditionen dazu, daß trotz des geringeren Volumens der zinsvariablen Aktiva die Zinserträge stärker auf Marktzinsänderungen reagieren als die Zinsaufwendungen. Bei der Analyse der Steuerungsergebnisse zeigt sich zum einen, daß die auf eine sofortige Absicherung des Reinvermögens gerichtete Steuerungsgröße "Barreinvermögen" für eine Steuerung des Reinvermögenswertes im Planungshorizont gänzlich ungeeignet ist. Desweiteren machen die auf der Grundlage der Steuerungsgröße "Endreinvermögen" durchgeführten Simulationsrechnungen deutlich, daß die Annahme einheitlicher Zinsänderungen zu Steuerungsfehlem führt, die in ihrer Größenordnung nicht mehr akzeptabel sind. Mit der Berücksichtigung der laufzeitspezifischen Renditeschwankungen auf dem Kapitalmarkt konnten teilweise zwar bessere, insgesamt jedoch keineswegs zufriedenstellende Steuerungsergebnisse erzielt werden. So ist als wesentliches Ergebnis festzuhalten, daß die Beschreibung des unterschiedlichen Änderungsverhaltens der einzelnen Bankzinssätze für die Steuerung des Zinsänderungsrisikos in Kreditinstituten eine unabdingbare Voraussetzung darstellt. In der Zukunft wird es dabei vor allem darauf ankommen, das empirisch beobachtbare Änderungsverhalten für jede einzelne Geschäftsposition zu analysieren und die gewonnenen Erkenntnisse bei der Kontrolle des Zinsänderungsrisikos positionsspezifisch zu berücksichtigen.

hoch


Berichte

Varman, Benu
„Einige Bemerkungen zur Definition und Bedeutung der neueren Kapitalflucht aus Entwicklungsländern”

Das Ausmaß der Kapitalflucht läßt darauf schließen, daß es sich um eine Reaktion auf asymmetrische Risiken handelt. Dabei haben viele unter Kapitalflucht leidende Länder erfahren, daß Kapitalströme sich im Kreis bewegen. Sofern diese Ströme als realer Transfer aufgefaßt werden, müßten sie über einen wesentlich längeren Zeit­raum aufgetreten sein. Das Argument, Kapitalflucht führe zu einem (Investitions­-) Verlust für die Volkswirtschaft, ist wenig überzeugend, weil Kapitalabflüsse durch den Zustrom ausländischer Kredite ausgeglichen werden. Allerdings nahm internationale Bankkreditvergabe in den letzten Jahren ab muß noch untersucht werden, welche Auswirkungen dies auf die Art und Weise hat, in der Kapitalflucht vor sich geht. Ein adäquates Schätzmodell muß entwickelt den, um den mit dem Versiegen der Kapitaleinfuhr möglicherweise verbundenen Transfer von Ressourcen zu messen. Falls Methode I angewendet werden soll, müßte ein Verfahren entwickelt werden, um Handelskredite und durch normale Portfoliodiversifikation induzierte Kapitalströme von der zu schätzenden Kapitalflucht zu unterscheiden. Die politischen Maßnahmen zur Kontrolle und Beseitigung dieses Problems setzen eine genaue Kenntnis der Art des transferierten Fluchtkapitals voraus. Von vornherein eine Definition festzulegen würde die Übersichtlichkeit beeinträchtigen. Die Wahl der Definition sollte vom jeweils überprüften Zeitraum und Land abhängig gemacht werden. In einem Land könnte sich ein einseitiger Kapitalstrom oder es könnten sich gegenläufige Kapitalströme vollziehen. Im ersteren Falle würde sich aufgrund makroökonomischer Anpassung ein verbessertes gesamtwirtschaftliches Investitionsklima ergeben. Die im Zusammenhang mit der Kapitalflucht analysierten zweiseitigen Kapitalströme würden Maßnahmen erforderlich machen, die die Ursachen der Diskriminierung einheimischen Kapitals beseitigen. Die Lösung dieses Problems könnte durch Verständnis des Phänomens wesentlich verbessert werden.

hoch


Schmidt, Roland
“Konstanzer Seminar on Monetary Theory and Monetary Policy”

Das diesjährige 20. Konstanzer Seminar on Monetary Theory and Monetary Policy beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit den Folgen der zunehmenden monetären Integration der Volkswirtschaften. Ein Meinungsaustausch mit Vertretern von Zentralbanken rundete das Programm ab. Der Bericht fasst die Ergebnisse der vorgetragenen Studien und die Diskussionen zusammen.

hoch





Zurück zur Archivübersicht